Zähneknirschen in der Nacht: Was hilft?

Weshalb einige Menschen im Schlaf mit den Zähnen mahlen – was Mediziner Bruxismus nennen – und wie man sein Gebiss schützen kann

von Silke Droll, aktualisiert am 13.03.2018

Nächtliches Knirschen: Typischerweise leiden 20- bis 40-Jährige darunter


"Wer mit den Zähnen knirscht oder sie aufeinanderpresst, dessen Biss ist nicht in Ordnung." Das erzählten Zahnärzte lange Zeit Patienten, die an sogenanntem Bruxismus litten. Sie empfahlen ihnen nicht nur bewährte Schutzschienen, sondern schliffen in aufwendigen und schmerzhaften Prozeduren Zähne ab oder erhöhten diese, um die Position der Zahnreihen zu verändern. Damit könne der Biss in seiner Idealform wiederhergestellt werden, die ungewollten Bewegun­gen würden verschwinden. So lautete zumindest die weitverbreitete Theorie.

Doch diese ist von der Wissenschaft mittlerweile widerlegt. "Eine Fehlstellung des Gebisses spielt mit ziemlicher Sicherheit keine Rolle für die Entstehung von Bruxismus", sagt etwa Professor Marc Schmitter von der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik am Uniklinikum Würzburg. Heute sind die Forscher davon überzeugt, dass das zentrale Nervensystem das unnötige Beißen steuert – völlig unabhängig davon, wie perfekt die Zähne zueinander stehen.

Kiefermuskeln stark angespannt

Diese Erkenntnis scheint noch nicht bei allen Zahnärzten angekommen zu sein. Manchmal wird immer noch am Gebiss herumgedoktert, um das Zähnepressen auszuschalten. Eine Berechtigung dafür gibt es aber nur, wenn ein "Bruxer", wie Zahnärzte Pa­tienten mit Knirsch- und Pressproblem bezeichnen, seine Zähne schon stark beschädigt hat. Dann lässt eine Restauration des Gebisses den Betroffenen schöner aussehen, sichert die Zahnsubstanz und macht die Zähne weniger temperaturempfindlich – die Ursache an sich beseitigt sie aber nicht.

Bruxismus-Patienten schädigen nicht nur ihre Zähne, sondern leiden auch oft unter Kiefer- und Kopfschmerzen. Manchmal kommt es durch die starke Anspannung der großen Kiefermuskeln auch zu Druck auf den Ohren, Tinnitus oder Nackenschmerzen. Ein Gefühl der Benommenheit kann entstehen. Mitunter können Betroffene diese Symp­tome selbst gar nicht ihrem Kiefer zuordnen. Dann erkennt vielleicht der Zahnarzt bei der Kontrolluntersuchung typische Anzeichen für Bruxismus: abgekaute Zähne, vergrößerte Kaumuskeln, Abdrücke der Zähne in Wange und Zunge.

In schweren Fällen scheint bereits gelblich das Zahnbein unter dem Schmelz hervor. Die Zähne werden extrem empfindlich. "Typisch ist auch, dass man morgens aufwacht und die Kiefermuskulatur ist verhärtet und tut weh", sagt Experte Schmitter.

Stress fördert Zähneknirschen

Doch nicht alle kauen nachts, mindestens genauso verbreitet ist der Wach-Bruxismus. Dann pressen Betroffene tagsüber, ohne es zu bemerken, die Zähne zusammen.

Für beide Formen gilt: Stress und Ängste fördern das Problem. "Unter psychischer Belastung fängt man an, die Zähne zusammenzubeißen", sagt Professor Olaf Bernhardt von der Poliklinik für Zahnerhaltung, Parodontologie und Endodontologie in Greifswald. Fest steht auch, dass die Gene eine Rolle spielen. Außerdem können Psychopharmaka die Ursache sein. Auch Kaffee und Nikotin wirken nachteilig.

Wer tagsüber bruxt, hat gute Chancen, mit Selbstbeobachtung etwas zu verbessern. Dazu empfehlen Zahnärzte: Zum Beispiel rote Punkte auf Gegenstände kleben, auf die man häufig den Blick richtet – und immer dann, wenn man die Markierung sieht, den Biss kontrollieren. Was mache ich mit den Zähnen? Presse ich gerade? Oder stehen die Zahnreihen wenige Millimeter auseinander? Das wäre ideal.

Schiene als Krankheitsmanager

Bei Schlafbruxismus gilt eine Zahnschiene als Mittel der Wahl. "Sie schützt nicht nur die Zähne, sondern vermindert bei 50 bis 75 Prozent der Patienten auch die Aktivität der Kiefermuskeln in der Nacht", erklärt Experte Bernhardt. Entsprechend lassen auch Beschwerden wie Kiefer- und Kopfschmerzen nach.

Doch bei einem Viertel nimmt das Pressen mit der Schiene sogar zu, wie Studien zeigen. Ohnehin sei die Schiene keine Therapie, sondern ein Werkzeug zum Management des Problems, sagt Bernhardt. "Heilen kann man Bruxismus nicht." Vielleicht aber bessert sich die Störung irgendwann von alleine. Typischerweise leiden vor allem Menschen zwischen 20 und 40 darunter. Mit zunehmendem Alter wird Bruxismus seltener.

Eine einfache Knirscher-Schiene für den Oberkiefer ist eine Kassenleistung ohne Zuzahlung. "Sie reicht in vielen Fällen aus", meint Bernhardt. Viele Zahnärzte sind aber überzeugt, dass eine Funktionsdiagnostik des Kiefers nötig ist, damit die Schiene gut passt. Diese Untersuchung zahlt die Kasse nicht. Patienten sollten sich vorab die zu erwartenden Kosten bestätigen lassen. Üblich sind 120 bis 250 Euro Zuzahlung.

Weitere Therapien

-Biofeedback-Verfahren: Sensoren an den Schläfen oder in einer Schiene registrieren, was die Kiefermuskeln tun. Fängt ein Patient an zu beißen, wird ein Impuls gesendet. Dieser ist so gering, dass der Schläfer nicht aufwacht, aber der Muskel und ruhiger wird.

- Botox: In besonders schweren Fällen von Bruxismus kann das Nervengift in den großen Kiefermuskel gespritzt werden. Damit wird der überaktive Muskel ruhiger und baut Masse ab.

- Auch hilfreich: Physiotherapie, Entspannungsverfahren und Verhaltenstherapie. Zeitlich begrenzt können auch Muskelrelaxanzien eingenommen werden.

Die Schiene anwenden

Inzwischen hat sich gezeigt, dass dickere Schienen die Schmerzen besser verringern als dünne. "Früher machten wir die Schienen im Backenzahnbereich nur ein bis zwei Milli­meter dick, jetzt eher vier bis fünf Millimeter", erläutert Bernhardt.

Wer seine Schiene möglichst optimal einsetzen will, sollte sie mit Unterbrechungen tragen – also etwa an fünf Tagen und danach zwei Tage Pause machen. "Das reduziert die Muskelaktivität besser als dauerhaftes Tragen", so Bernhardt. Wer immer mit Schiene schläft, presst irgendwann wieder stärker.

Perfektes Provisorium

Auch für die Übergangszeit, bis die Schiene hergestellt ist, gibt es mittlerweile Lösungen, zum Beispiel ein Plastikbändchen mit Flüssigkeitspolstern, das man sich wie eine Schiene um die obere Zahnreihe legt. Experte Schmitter: "Manche meiner Patienten kamen mit dem Provisorium besser zurecht als mit der maßgefertigten Schiene."


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